Rekordtief – aber noch bleiben die Zinsen tief

Seit die Lehman-Pleite in 2008 das Weltfinanzsystem nahe an den Abgrund geführt hat, haben die Zentralbanken das Ruder zur Rettung des Systems übernommen. Durch Leitzinssenkungen auf praktisch Null und massive Aufkäufe von Staatsanleihen konnte so eine vorübergehende Stabilisierung herbeigeführt werden.

In den USA und England haben die Notenbanken nicht lange überlegt, sondern in enger Abstimmung mit der Politik die aus ihrer Sicht notwendigen Schritte eingeleitet. Für die Eurozone mussten für diese Art von pragmatischem Handeln zuerst die personellen Voraussetzungen geschaffen werden. Mit einem EZB-Präsidenten nach „Bundesbank-Prägung“ wären Nullzinsen vielleicht, aber Staatsanleihenkäufe auf keinen Fall, machbar gewesen. Der ursprünglich favorisierte Kandidat Axel Weber war damit keine Option mehr und der Weg frei für Mario Draghi, der auch ohne zu zögern die Lockerungsmaßnahmen einleitete und das System mit unlimitierter Liquidität versorgte. Sinkende Zinsen in den Südländern waren die Folge und die EU-Politiker klopften sich gegenseitig auf die Schultern für ihre großartige Fähigkeit die Krise einzudämmen sowie „Stabilität“ erneut herzustellen.

 

Deutschland ist weiterhin Hort der Sicherheit

Dem kritischen Beobachter fällt aber auf, dass dies bestenfalls die halbe Wahrheit ist. Würden die Investoren wirklich neues Vertrauen in die Fähigkeit der Südländer, und diese implizieren auch Frankreich, haben, so müsste inzwischen massiv Anlegergeld aus deutschen Staatsanleihen in italienische, spanische oder französische Anleihen fließen. Die Zinsen in Deutschland müssten also schon seit Monaten steigen, sind sie doch vorher vor allem aufgrund von Deutschlands Rolle als letzter glaubhafter Stabilitätsanker auf historisch tiefe Niveaus gefallen. Kurzfristige Geldmarktzinsen im negativen Bereich und 10-jährige Bundesanleihen bei 1,25 Prozent passen ja keinesfalls zu einer Wirtschaft, die im Gegensatz zu den Südländern wächst und eine Inflationsrate von knapp unter 2 Prozent zeigt. Die globalen Anleger setzen also weiterhin auf Deutschland als Hort der Sicherheit. Die tieferen Zinsen in den Südländern sind dagegen Ausdruck von Käufen durch Spekulanten, die sich auf die Versprechen von Herrn Draghi verlassen, alles zu tun, um das Euro-Gebilde zusammenzuhalten – also im Notfall auch die Anleihen der Krisenländer direkt zu kaufen. Der Glaube an eine fundamentale Verbesserung der Situation in den Südländern ist es jedenfalls (noch) nicht.

 

Abwertungswettlauf der Währungen findet statt

In seiner gestrigen Pressekonferenz hat Herr Draghi die gegenwärtige Stärke des Euros als Zeichen des wiederkehrenden Vertrauens in die Stärke Europas bezeichnet. Ein Beweis also, dass das aktuelle Krisenmanagement der EU und der Europäischen Zentralbank (EZB) Wirkung zeigt. Auch das ist bestenfalls die halbe Wahrheit. Vielmehr ist es so, dass derzeit bereits ein weltweiter Abwertungswettlauf der Währungen stattfindet, bei dem die Japaner derzeit in Führung liegen. Mit fast 20Prozent Abwertung des Yen in nur drei Monaten hat die neue japanische Regierung durch den Druck auf ihre Notenbank ein Zeichen gesetzt. Wiederherstellung der Wettbewerbsfähigkeit auf Exportmärkten und Inflationserzeugung sind die Ziele. Die Yen, die derzeit gegen Dollar und Euro verkauft werden, werden aber postwendend in amerikanische und deutsche Staatsanleihen angelegt, da die Liquidität ja irgendwo hin muss. Das wird noch über Monate die Zinsen in diesen Ländern tief halten. Der überraschend feste Euro ist also eher Ausdruck der immer stärkeren Bewertung des „deutschen Euroanteils“, der ja in der Gemeinschaftswährung steckt. Experten sehen den inneren Wert eines deutschen Euros eher bei 1,60-1,70 gegen den Dollar und nicht bei den aktuellen 1,29. Und hier liegt auch ein Grund, warum sich gerade deutsche Politiker so gegen ein Auseinanderbrechen des Euros wehren. In der Tat hat Deutschland viel zu verlieren, wenn aus dem jetzigen Euro ein Euro von drei oder vier Nordländern werden würde. Der deutsche Euro würde massiv aufwerten, da jeder ihn haben will. Der deutsche Euro würde also zum großen Schweizer Franken werden. Die Exportwirtschaft müsste durch einen Anpassungsschock gehen und die Vermögenswerte der deutschen Haushalte und Unternehmen in den Südländern würden stark abgewertet werden. Da lebt es sich mit einem durch schwache Südländer verwässerten Euro vorerst deutlich leichter. Solange die „Rettung“ der Südländer Deutschland kein echtes Geld kostet (da ja die EZB die Arbeit macht), ist der Status Quo für das Duo Merkel/Schäuble tragbar. Die aktuelle Notierung des Euros aber als Beweis des Vertrauens in die Reformarbeit der EU zu verkaufen, grenzt schon an Schlitzohrigkeit.

 

von R. Haselsteiner

Zurück

Archiv

In unserem Archiv finden Sie alle unsere Nachrichten.